Dreharbeiten am WGT: Eintauchen ins Schwarze Leipzig

Wieder waren einige Jahre vergangen. Ich hatte inzwischen ein Dutzend Bücher veröffentlicht, diverse Ausstellungen gemacht und zusammen mit Bea eine einjährige Filmausbildung absolviert, in welcher ich den Dokumentarfilm "Vier Frauen und der Tod" produzierte, der in verschiedenen Schweizer Kinos gezeigt wurde. Es war zwei Wochen vor Pfingsten. Plötzlich erinnerte ich mich wieder an das Wave-Gotik-Treffen, das ich vor sechs Jahren erlebt hatte. Kurzentschlossen kaufte ich für Bea und mich Fahrkarten nach Leipzig. Ein neues Projekt lockte. Ohne Plan fuhren wir los, nur mit der vagen Vorstellung, spannende Aufnahmen am WGT zu machen. Im Hinterkopf hatte ich zwar den Gedanken, daraus könnte ein Dokumentarfilm werden, aber vorerst verfügten wir weder über Mitwirkende, noch über ein Drehbuch, geschweige denn über ein Filmbudget. Alles, was wir hatten, war eine Idee. Die sich absolut knackig anfühlte.
Unterwegs im Zug, irgendwo zwischen Frankfurt und Eisenach, hörten wir aus dem Nebenabteil Gespräche und Gelächter. Als wir uns umdrehten, entdeckten wir ein "schwarzes Grüppchen", das ebenfalls auf dem Weg zum WGT war. Die vier Frauen und zwei Männer spielten Karten und schwatzten Schweizerdeutsch. Ich fasste mir ein Herz und fragte sie, ob wir sie interviewen dürften. Sie guckten leicht verdutzt, sagten aber zu. Bea holte die Kamera hervor, ich stellte ein paar Fragen und merkte im gleichen Moment, dass diese Aufnahmen keinen Oscar gewinnen würden. Das schien auch der schlanken, blonden Frau namens Inahea bewusst zu sein, die uns anbot, sie doch besser am nächsten Tag nochmals zu interviewen. Dann werde sie ihre schönen Kleider tragen und der Hintergrund – das "Viktorianische Picknick" im Clara-Zetkin-Park – verspräche ein passenderes Ambiente als der schaukelnde Bahnwagen. Wie Recht sie hatte. Wir tauschten Handynummern aus und verabschiedeten uns.