Ein halbes Jahr in Leipzig: Der Funke springt

Viele Jahre später – ich war nach mehreren Reisen, Ausstellungen und veröffentlichten Büchern als freie Journalistin, bildende Künstlerin und Autorin tätig – bekam ich die Möglichkeit, ein halbes Jahr als Krimistadtschreiberin in Leipzig-Lindenau zu leben und zu arbeiten. Der Auftrag lautete, einen Krimi zu verfassen, der vor Ort spielte. Ich schlug vor, eine mit Fotos illustrierte Story zu liefern, damit meine Freundin Bea Huwiler, die als Fotografin arbeitete, ebenfalls in den Genuss des Stipendiums käme. Die Idee wurde aufgenommen. Wir reisten an einem kalten Aprilabend an, wurden im Dachgeschoss des Pfarrhauses einquartiert, wo wir die nächsten sechs Monate verbringen würden. Unter uns wohnte die Pfarrfamilie, die uns warmherzig willkommen hiess. Wir recherchierten, fotografierten und schrieben. Wir erkundeten verfallene Fabriken, leerstehende Hallen, überwucherte Innenhöfe. Wir entdeckten Spuren des Krieges, Hässlichkeiten der DDR und spannende Zwischen- und Nischenprojekte, die nach dem Mauerfall überall entstanden waren. Diese Ecke Leipzigs bot alles, was sich Kunstschaffende erträumen konnten – Geheimnisvolles, Dunkles und Vergessenes. Unser Krimi "Der Spinner von Leipzig" nahm Form an.
Im Stadtteil Leipzig-Lindenau, der damals auf der Kippe stand, entweder von Neo-Nazis vereinnahmt zu werden oder sich zum Trend-Quartier zu mausern, erregten wir Aufmerksamkeit. Zeitungsredakteure meldeten sich, interviewten uns und schrieben Rezensionen unseres gemeinsamen Buches, noch bevor es gedruckt war. Bald nahm der Verleger eines kleinen Independent Verlags Kontakt mit uns auf. Er würde unseren Krimi in sein Programm aufnehmen, wenn wir das wollten, bot er uns an. Ja, wir wollten. Wir trafen ihn und lernten einen netten, schwarz gekleideten Mann kennen, der lauter nette, schwarz gekleitete Freunde hatte, die lauter schauerliche, schwarze Geschichten schrieben, die in schwarzen Läden verkauft wurden. Mein bereits schwarz gestalteter Buchumschlag passte perfekt dazu.
Zu Pfingsten wurde die ganze Stadt schwarz. Tausende von Goths strömten nach Leipzig, überall fanden Konzerte, Mitternachts-Lesungen, Friedhofführungen, grauslige Ausstellungen, makabre Theaterstücke und andere zappendustere Events statt. "Was um alles in der Welt ist das denn?", wollte ich wissen und konnte meine Begeisterung kaum zügeln. Unsere liebenswürdige Pfarrfamilie teilte uns mit, das sei natürlich das Wave-Gotik-Treffen (WGT) wie jedes Jahr um diese Zeit. Sie selbst fänden es wunderbar, genauso wie der Grossteil der Leipziger Bevölkerung. Nun sprang der Funke endgültig. Bea und ich tauchten ins Getümmel ein, sie mit Fotoapparat, ich mit Schreibblock, um Notizen für unseren Krimi zu machen. Das Buchkapitel, das am WGT spielte, musste ich allerdings später wieder streichen, da es zwar bildreich war, aber in der Story leider keinen anderen Zweck erfüllte als eben den: bildreich zu sein. Und das genügte nicht. Die Lektorin in mir, die sich an den Spruch "Kill your darlings" hält, war da radikal.
Nachdem "Der Spinner von Leipzig" fertig geschrieben und gedruckt war, hatte ich oft Lesungen in Schwarzen Szenelokalen (in denen Bea ihre Fotografien ausstellte), lernte viele sympathische Gothics kennen und dachte, als wir wieder zurück in der Schweiz waren: "Schade, gibt es diese Szene bei uns nicht." Hab mich selten so getäuscht.