Dreharbeiten am WGT: Filmrausch am Festival

Tags darauf trafen wir Inahea, zusammen mit ihrer Tochter (ganz in weiss) und den Reisegefährten vor dem Park. Bea und ich, bepackt mit Kameras, Stativen und Mikrophonen, stapften den anderen hinterher durchs Gras, bis wir eine geeignete Stelle für unser Interview gefunden hatten. Auf einer der unzähligen Brücken konnten wir Inahea in Ruhe befragen und filmen, bis alles "im Kasten" war. Dann tauchten wir in die Menschenmenge ein. Ein friedlicheres Beisammensein hatte ich selten zuvor erlebt. Tausende von Schwarzgekleideten sassen auf der Wiese, tranken, assen, plauderten. Von Rokoko, Barock, Romantik über Steampunk, Metal und Nietenlook war alles vertreten, wenngleich das Klassische überwog. Alle hatten sich herausgeputzt, etliche Unikate von Anzügen, Reifröcken, Hütchen, Handtäschchen und Westen sahen nach stundenlanger Handarbeit aus. Grosse Augen schauten geheimnisvoll unter Schleiern hervor, edle Herren in Zylindern wandelten mit spitzengeschmückten Damen durch die Anlage, breiteten Wolldecken aus, nahmen Früchte, Brote, Wein und Käse aus ihren Körben, tischten auf und machten es sich gemütlich. Von antiken, handbetriebenen Plattenspielern war Cello-Musik zu hören, vermischte sich mit den harten Bässen aus den Ghetto-Blastern nebenan. Dazwischen Gelächter, Küsschen, Gläserklirren und deutsche, italienische, holländische, dänische und andere Gesprächsfetzen. Halb Europa schien angereist zu sein. Die unzähligen Fotografen, die hemmungslos um die Picknickenden herumscharwenzelten, wurden von diesen stoisch hingenommen.
Bea und ich fragten, ob wir filmen durften – und wir durften. Niemand reagierte verärgert, keiner wehrte uns ab. Manche posierten mit offensichtlichem Vergnügen, andere waren schüchterner. "Das reinste Schaulaufen", kommentierte einer selbstkritisch. "Der Höhepunkt des Jahres!", widersprach seine Begleiterin lächelnd. Die Stunden vergingen, die Kameraspeicher füllten und die Akkus leerten sich. Am Abend waren wir aufgekratzt und fühlten uns reich beschenkt. An Schlaf war nicht zu denken. Alle Daten mussten über Nacht besichtigt, kontrolliert und auf unseren Reise-Laptop geladen werden.
Am nächsten Tag ging's weiter, übernächtigt, aber zufrieden. Konzertbesuche standen auf dem Programm, die Agra-Halle wartete, weitere Kurzinterviews und Portraits waren angesagt. Als wir den Sänger der Band "Elandor" vor seinem Konzert fragten, ob wir ihn aufnehmen dürften, war er einverstanden. Auch die Band "Circular" gab uns das Ok, einen Song von ihnen für unseren Film zu verwenden. Diese Grosszügigkeit und Unkompliziertheit empfand ich als aussergewöhnlich, sollte aber noch erfahren, dass sie in der Szene sehr verankert ist.
Nach diesem intensiven Tag am Wave-Gotik-Treffen wusste ich: Dies würde ein Dokumentarfilm werden. Und er würde im Kino laufen. Wie im Rausch filmten wir weiter, liessen uns in der Menge treiben, sogen die Stimmung auf, tankten Musik, fanden bereitwillige Festivalbesucher, die sich ablichten liessen, sammelten schillernde Close-ups, intime Nah- und imposante Grossaufnahmen. Fünf Tage lang. Tausende von Einzelbilder. Stunden von Material. 250 Gigabite.