Dreharbeiten: Fototour auf dem Friedhof

Im Sommer lernte ich den Fotografen Chris kennen. Wir verstanden uns auf Anhieb gut, und ich freute mich, nach Inahea meinen zweiten Protagonisten gefunden zu haben. Chris war motiviert, uns einen Einblick in sein Schaffen zu gewähren. Nach einem stündigen Interview bei ihm zuhause und Aufnahmen in einer alten Fabrik mit dem Model namens Fräulein Kassandra planten wir Anfang August Dreharbeiten in einem verwunschenen Friedhof am Vierwaldstättersee. Als Darkstyle-Fotograf wählt Chris Menschen und Schauplätze aus, die ihn ansprechen, und Settings, die ausgefallen und bizarr sein dürfen, die aber eine gewisse Grenze nicht überschreiten. Gruselig und etwas blutig darf's daherkommen, doch Gewalt- oder Sadomaso-Szenen gehören nicht zu seinem Repertoire. Die Models Carmilla Noctem und ihr Freund Dani seien einverstanden, während des Foto-Shootings von uns gefilmt zu werden, hatte uns Chris mitgeteilt.
Vom Westen her zogen dicke, schwarze Wolken auf, doch noch war es sonnig, als Bea und ich ankamen. Die Stätte war eindrücklich mit einer alten Kapelle, schräg in der Landschaft stehenden, von Moos überwachsenen Grabsteinen und keltischen Kreuzen mit verwitterten Namen und Freimaurer-Symbolen. Es roch nach feuchter Erde, Laub und Tannenholz, in der Ferne bimmelten Kuhglocken. Der Fotograf kam uns mit seiner umfangreichen Ausrüstung entgegen, mit ihm seine Models im Viktorianischen Look. Chris erzählte von seiner Idee, eine Trauernde am Grab darzustellen und im Hintergrund ihren verstorbenen Gatten als durchschimmernden Geist.
Carmilla Noctem und Dani platzierten sich neben einem Grabstein, sie mit dezent leidendem Gesichtsausdruck, er möglichst geisterhaft. Klick, klick, klick, machte es, und die Blitze des Fotoapparates flackerten fast zur gleichen Zeit auf wie die ersten Blitze am Himmel. Das Gewitter kam näher. Bea lief hinter Chris her, portraitierte seine Arbeit von allen Seiten, schwenkte zu Carmilla Noctems Gesicht in Nahauftahme, blieb an Danis geflochtenen Ziegenbärtchenzöpfchen hängen, an denen Jack Sparrow die reinste Freude gehabt hätte. Chris knipste, ich gab Bea filmische Anweisungen, die sie umsetzte oder auch nicht, wenn sie etwas Besseres entdeckte. Klick, klick, klick. Blitz, Blitz, Blitz. Der Himmel wurde dunkelgrau. Passender konnte man es sich für ein Friedhofsshooting nicht vorstellen. Noch einige Aufnahmen unter dem Torbogen, Carmilla Noctem und ihr ehrwürdiger Gemahl im Halbdunkel, die Liebenden wieder lebendig und vereint. Die dichten Wolken waren inzwischen fast schwarz.
In Sekundenschnelle prasselte der Regen durch das Nadeldach der Tannen auf den Friedhof. Schwere Tropfen, die in der Erde versickerten und bald darauf in Bächen zwischen den Gräberreihen hindurchliefen. Schnell brachten wir die elektronischen Geräte bei der Kapelle ins Trockene. Dann standen wir nebeneinander unter dem grossen Torbogen und betrachteten das Unwetter. Alles war auf die Sekunde aufgegangen. Chris hatte sein Foto-Shooting durchziehen können, Bea hatte genau die Filmaufnahmen geschafft, die ich mir erwünscht hatte. Sogar ein kurzes Interview mit Carmilla Noctem hatte ich machen können, auch wenn ihre letzten Sätze im Regen untergegangen waren. Als der Niederschlag etwas nachliess, fuhren wir mit einem Taxi nach Luzern, wo wir uns in einer Pizzeria erschöpft, aber zufrieden zurücklehnten. Wobei nicht unerwähnt bleiben darf, dass die anderen Restaurant-Gäste leicht irritiert wirkten, als sie uns sahen: Ein triefnasses, schminkeverschmiertes, in seltsame Kleider gehülltes Grüppchen, das mit Heisshunger Pizzas verschlang.
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