Dreharbeiten: Lack & Leder / Fliessende Farben

Als ich Anuschka an einem sonnigen Nachmittag in einer Pizzeria kennenlernte, spürte ich sogleich, dass ich eine vielseitige und vielschichtige Frau vor mir hatte, nahm ihre Mischung aus Stärke und Verletzlichkeit wahr. Unser Gespräch bewegte sich bald in tiefen Ebenen. Während ich versuchte, herauszufinden, ob sie für meinen Film in Frage kam, war sie dabei, abzuschätzen, ob sie diesen Weg in die Öffentlichkeit wagen wollte. Denn Anuschka ist nicht nur in einer Ausbildung zur Mallehrerin, sondern arbeitet daneben auch als Domina. So musste dieser Schritt gut überlegt werden, denn uns beiden lag es fern, aus ihrer Tätigkeit etwas Reisserisches oder Sensationslüsternes zu machen. Am Schluss unseres Treffens sagte sie zu, was mich sehr freute. Bea und ich fuhren bald darauf schwer beladen mit Stativen, Leuchten und mehreren Kameras in die Fetish-Halle, in der Anuschka ihren nächtlichen Job ausübt, der für sie viel mehr als nur ein Job sei, wie sie sagte, sondern einem Teil ihres Inneren entspräche. Ich selbst hatte noch nie Kontakt zu dieser Szene, vieles, das ich sah, war mir unbekannt, immer wieder musste ich fragen, wozu dieses oder jenes diente, was ab und zu für Gelächter sorgte. Zwei maskierte Männer stellten sich für die Aufnahmen zur Verfügung, und Anuschka wirkte genau so, wie man sich eine Domina vorstellt: resolut und streng.
Die nächsten Dreharbeiten mit unserer Protagonistin waren das pure Gegenteil: Ein helles Malatelier am Bodensee, warme Farben, weisse Leinwände und Anuschka, die ins Malen eines neuen Bildes vertieft war. "Beides gehört zu mir", sagte sie. Sie könne und wolle sich nicht für eine Seite entscheiden, und wer sie in eine Schublade stecken wolle, würde scheitern. Hier erlebten Bea und ich eine ganz andere Frau: mit Leichtigkeit und kreativer Freude gab sie sich ganz der Malerei hin, keine Spur von Dominanz war mehr vorhanden. Das Interview, das wir kurz darauf mit ihr führten, trug zusätzlich dazu bei, die verschiedenen Anteile von Anuschka aufzuzeigen.
Mehrere Male wurde ich darauf angesprochen, ob es für die Gothic-Szene nicht nachteilig sei, eine Domina zu portraitieren. Aussenstehende, die sowieso schon Vorurteile hätten, könnten denken, alle Goths hätten etwas mit SM zu tun. Darauf konnte ich nur antworten: In meinem Film kommt auch ein Musiker vor, obwohl nicht alle Gothics musizieren, eine Autorin wirkt mit, obwohl nicht alle in der Schwarzen Szene Bücher schreiben, einer der Protagonisten ist Dachdecker, was wohl nur wenige andere sind. Ich traue dem Filmpublikum zu, die dargestellten Personen als Individuen wahrzunehmen. Oder andersherum: Wer seine Vorurteile behalten will, wird das sowieso tun. Mich persönlich faszinieren Menschen mit vielen Facetten.